Differenzierte Lebensformen für Erwachsene

Arbeit stellt einen wesentlichen Aspekt des Erwachsenenlebens dar. In den sozialtherapeutischen Einrichtungen ist dieser Prozess so ausgerichtet, dass er Menschen mit Behinderungen erleben lässt, ihren Fähigkeiten entsprechend produktiv zu sein. Sie wirken aktiv mit an der Herstellung hochwertiger Güter vorwiegend handwerklichen und kunstgewerblichen Charakters. Dabei entstehen neben den traditionellen Produkten aus natürlichen Rohstoffen mitunter beachtliche Innovationen, wie beispielsweise solarbetriebene Hörgeräte oder wertvolles, nicht-genmanipuliertes Saatgut. Auch in der lebensmittelproduzierenden Branche und Produktveredelung sind viele Betriebe tätig. Sie verbinden somit den ökologischen Nachhaltigkeitsgedanken mit der Erzeugung zunehmend geschätzter biologischer und biologisch-dynamischer Nahrungsmittel, wie in der Herstellung von Garten- und Feldprodukten, Backwaren, Käse oder auch auserlesenem frisch geröstetem Biokaffee. Damit tragen sie nicht nur zur Gaumenfreude ihrer Kundschaft bei, sondern leisten beispielsweise auch im Rahmen der ‹Sozialen Landwirtschaft› einen wichtigen Beitrag zur Regeneration der durch konventionelle Landwirtschaft teilweise brach liegenden Natur.

Wo und wie sie leben wollen, darüber haben Menschen mit Behinderung wie jeder andere eigene Wünsche und Vorstellungen: in einem Apartment, einer Wohn- oder Lebensgemeinschaft, paarweise oder als Single. Ebenso differenziert wie das Bedürfnis nach Autonomie ist der Wunsch nach Begleitung, Unterstützung, Betreuung und Pflege.

Für viele ist die Gemeinschaft mit anderen eine grosse Hilfe. Die innere und äussere Struktur ermöglicht eine zuverlässige Orientierung im hektischen Alltag unserer Zeit. Sie schafft Raum für Entwicklungen, die manchen Menschen zu einem weitgehend eigenständigen Leben befähigen, andere wiederum vor Isolation bewahren.

Sozialtherapeutisch Begleitende sehen ihre Aufgabe darin, den einzelnen Menschen in seinem Streben nach Selbstbestimmung und Autonomiefähigkeit zu unterstützen und zusammen mit ihm und anderen ein Gemeinwesen zu gestalten, das die unterschiedlichen Lebenslagen zu einer Einheit verbindet. Darin kann sich jeder Mensch auf seine Weise einbringen. So gewinnt jeder soziale Organismus seine kulturelle Identität, entwickelt eigene Schwerpunkte und ein eigenes Lebensklima.

Die Kultur stellt dabei einen wichtigen Bestandteil des alltäglichen Lebens dar – mit Konzerten, Lesungen, Schauspiel, Ausstellungen. Oft haben nicht nur Mitglieder einer solchen Gemeinschaft daran Anteil, sondern ebenso die unmittelbare Nachbarschaft, das Dorf, der Stadtteil. Auf diese Weise integrieren sich die Gemeinschaften in das soziale Umfeld – oder auch umgekehrt. Nicht selten werden sie sogar zum Kristallisationspunkt für kulturelle Aktivitäten mit einem ausgewählten und gut besuchten kontinuierlichem Programm.

Das Leben in der Gemeinschaft ist von einer spirituellen Grundhaltung durchzogen. Konfessionelle und nicht-konfessionelle Feiern erfüllen die religiösen Bedürfnisse.

Wer in der Gemeinschaft lebt, will auch die Wege, die diese nimmt, mit besprechen und wesentliche Fragen der sozialen Gestaltung mit entscheiden können. Bewohnerschaft- und Dorfversammlungen, Heimbeiräte, Werkstatträte und Interessenvertretungen sind wichtig, um sich selbst als aktives Mitglied der Gemeinschaft erleben zu können. So schaffen Arbeit, Kultur und soziale Integration eine gesellschaftliche Verbindung, die in dieser Form Menschen mit Behinderung aus eigener Kraft kaum verwirklichen können.

Aber dabei tauchen – wie überall im Leben – auch Schwierigkeiten und Hindernisse auf. Jeder Entwicklungsschritt will errungen werden, und nicht selten macht sich Erschöpfung breit. Hier unterstützend zu wirken, angemessen zu begleiten, mit Mitteln, die der Erwachsenen- und Weiterbildung entsprechen, ist ein grosses Anliegen anthroposophischer Sozialtherapie. Denn Leben bedeutet eben immer auch lebenslanges Lernen.

Dazu gehören auch Krisen. Besonders in solchen Zeiten ist es für die Betroffenen und ihre Angehörigen wichtig zu wissen, dass sie nicht allein gelassen werden, dass fachkundige Hilfe vorhanden ist: mit biografischer Beratung und therapeutischen Massnahmen – idealerweise, bevor die Krise offenkundig ist.

Im Erwachsenenalter muss die Beratung auf Augenhöhe stattfinden – auch und besonders dann, wenn Menschen sich nicht sprachlich ausdrücken können, sondern darauf angewiesen sind, dass Fachkräfte und Angehörige ihnen mit Verständnis und Zuwendung begegnen.
Das gilt auch für die wichtige Frage: Was geschieht im Alter? Wenn mit zunehmenden Lebensalter das Arbeiten schwerer fällt, wird die Belastung langsam reduziert. Irgendwann ist dann der Tag des Ruhestands da, und es gilt, das Leben mit anderen Inhalten und neuen biografischen Horizonten zu erfüllen.

Das reiche kulturelle Leben in den Initiativen, Wohn- und Lebensgemeinschaften oder den besonderen Orten für Ältere bietet hierfür zahlreiche Ansatzpunkte und Ideen. Auch Sterben und Tod sind dann Teil einer Gemeinschaft, die das Leben als Ganzes umschliesst.

Anthroposophische Einrichtungen für Heilpädagogik und Sozialtherapie sind keine Inseln: Sie müssen sich mit allen inneren und äusseren Schwierigkeiten und Herausforderungen unserer Zeit auseinandersetzen – aber immer mit dem Ziel, lebenswerte Orte für Menschen mit Behinderungen zu schaffen.